Supply Chain Management im Mittelstand: Grundlagen und Best Practices
Wie mittelständische Unternehmen ihre Lieferkette professionell steuern – von der Lieferantenauswahl bis zur Bestandsoptimierung.
Warum Supply Chain Management auch für den Mittelstand relevant ist
"Supply Chain Management? Das ist doch nur was für Konzerne." Diese Aussage hören wir häufig. Sie ist falsch.
Jedes Unternehmen, das Waren einkauft, lagert oder verkauft, hat eine Lieferkette. Die Frage ist nicht ob, sondern wie professionell Sie diese steuern.
Für wachsende Unternehmen mit 10-100 Mitarbeitern wird Supply Chain Management zum kritischen Erfolgsfaktor:
- Lieferengpässe blockieren Umsatz
- Überbestände binden Kapital
- Fehlende Transparenz verhindert Planung
Die fünf Säulen des Supply Chain Managements
1. Planung (Planning)
Die Basis: Bedarfsplanung, Kapazitätsplanung, Absatzprognose.
Praktisch umsetzen:
- Monatliche Absatzprognose erstellen
- Saisonale Schwankungen einplanen
- Puffer für Unsicherheit einkalkulieren
2. Beschaffung (Sourcing)
Lieferantenauswahl, Verhandlung, Bestellmanagement.
Praktisch umsetzen:
- Mindestens 2 Lieferanten pro kritischem Material
- Rahmenverträge für Planungssicherheit
- Lieferantenbewertung einführen
3. Herstellung (Manufacturing)
Produktion, Qualitätskontrolle, Verpackung.
Praktisch umsetzen:
- Durchlaufzeiten messen und optimieren
- Qualitätsstandards dokumentieren
- Engpässe identifizieren
4. Lieferung (Delivery)
Lagerhaltung, Distribution, Versand.
Praktisch umsetzen:
- Lagerplätze optimieren
- Versandprozesse standardisieren
- Tracking implementieren
5. Rückführung (Returns)
Retouren, Reklamationen, Recycling.
Praktisch umsetzen:
- Retourenprozess definieren
- Ursachen analysieren
- Kreislaufwirtschaft prüfen
Die drei häufigsten SCM-Fehler im Mittelstand
Fehler 1: Keine Sichtbarkeit
Viele Unternehmen wissen nicht, was auf Lager liegt, was unterwegs ist und was bestellt wurde. Daten verteilen sich auf Excel-Listen, E-Mails und Köpfe.
Lösung: Zentrales System für Bestandsführung. Muss nicht teuer sein – wichtig ist die Einheitlichkeit.
Fehler 2: Single Sourcing bei kritischen Materialien
Ein Lieferant, ein Problem, ein Stillstand. Die Pandemie hat es gezeigt: Abhängigkeit ist ein Risiko.
Lösung: Dual Sourcing für kritische Komponenten. Ja, das kostet mehr. Aber weniger als ein Produktionsstopp.
Fehler 3: Fehlende Kommunikation zwischen Abteilungen
Vertrieb verkauft, was nicht auf Lager ist. Einkauf bestellt, was Vertrieb nicht braucht. Operations erfährt von beidem zu spät.
Lösung: Wöchentliches SCM-Meeting mit Vertrieb, Einkauf, Operations. 30 Minuten, feste Agenda.
Kennzahlen für die Lieferkette
Lieferservicegrad
Anteil termingerecht gelieferter Bestellungen.
Ziel: > 95%
Lagerumschlagshäufigkeit
Wie oft wird das Lager pro Jahr komplett umgeschlagen?
Formel: Wareneinsatz / Durchschnittlicher Lagerbestand
Perfect Order Rate
Anteil der Bestellungen, die komplett, korrekt und pünktlich geliefert werden.
Ziel: > 90%
Days Inventory Outstanding (DIO)
Durchschnittliche Lagerdauer in Tagen.
Formel: (Durchschnittlicher Lagerbestand / Wareneinsatz) x 365
Technologie für den Mittelstand
Sie brauchen keine SAP-Implementation für funktionierendes SCM. Wichtiger als das Tool ist der Prozess.
Minimum viable SCM-Stack:
- ERP oder Warenwirtschaft (Odoo, Sage, JTL)
- Bestandsführung mit Mindestbeständen
- Lieferantenübersicht mit Kontaktdaten und Konditionen
- Bestellhistorie und Wiederbeschaffungszeiten
Nice to have:
- Automatische Bestellvorschläge
- Lieferanten-Portal
- EDI-Anbindung
Risikomanagement in der Lieferkette
Die Pandemie, der Suezkanal, geopolitische Spannungen – externe Schocks kommen häufiger als gedacht.
Risikomatrix erstellen:
- Kritische Materialien identifizieren
- Für jedes Material: Lieferanten, Alternativen, Wiederbeschaffungszeit
- Risiko bewerten (Wahrscheinlichkeit x Impact)
- Maßnahmen für Top-10-Risiken definieren
Praktische Maßnahmen:
- Sicherheitsbestände für kritische Teile
- Notfall-Lieferanten vorqualifizieren
- Regelmäßige Lieferantengespräche
Checkliste: SCM im Mittelstand aufbauen
- [ ] Bestandsübersicht erstellen (was liegt wo?)
- [ ] Kritische Materialien identifizieren
- [ ] Mindestbestände definieren
- [ ] Wiederbeschaffungszeiten dokumentieren
- [ ] Lieferantenbewertung einführen
- [ ] Dual Sourcing für Top-10 prüfen
- [ ] Wöchentliches SCM-Meeting etablieren
- [ ] Kennzahlen messen und reporten
Fazit
Supply Chain Management ist kein Konzern-Thema. Es ist die Grundlage für zuverlässige Lieferung, optimale Kapitalbindung und Risikominimierung.
Starten Sie klein: Transparenz schaffen, kritische Punkte identifizieren, Prozesse standardisieren. Die Komplexität kommt von allein – Ihr System muss mitwachsen.
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