Bestandsmanagement: So optimieren Sie Ihre Lagerbestände
Zu viel Bestand bindet Kapital, zu wenig gefährdet die Lieferfähigkeit. Lernen Sie, wie Sie die richtige Balance finden.
Das Bestandsdilemma
Zu viel Bestand:
- Kapital gebunden
- Lagerkosten
- Verderb/Veralterung
- Platzbedarf
Zu wenig Bestand:
- Lieferunfähigkeit
- Umsatzverlust
- Kundenunzufriedenheit
- Notfallbeschaffung (teurer)
Die Kunst liegt in der Balance.
Bestandsarten verstehen
Nach Funktion
Umlaufbestand (Cycle Stock)
Normaler Arbeitsbestand für den laufenden Bedarf.
Sicherheitsbestand (Safety Stock)
Puffer für Unsicherheiten (Nachfrageschwankungen, Lieferverzögerungen).
Saisonbestand
Aufbau für saisonale Spitzen.
Transitbestand
Ware unterwegs (bestellt, noch nicht eingetroffen).
ABC-Analyse
A-Artikel: Hoher Wertanteil (70-80%), wenige Artikel
→ Enge Überwachung, häufige Bestellung, geringe Sicherheitsbestände
B-Artikel: Mittlerer Wertanteil (15-20%)
→ Regelmäßige Überwachung, moderate Bestände
C-Artikel: Geringer Wertanteil (5-10%), viele Artikel
→ Einfache Regeln, höhere Sicherheitsbestände (Aufwand-Nutzen)
Bestandskennzahlen
Lagerumschlagshäufigkeit
Wie oft wird das Lager pro Jahr komplett umgeschlagen?
Formel: Wareneinsatz / Durchschnittlicher Lagerbestand
Beispiel: 1.000.000€ Wareneinsatz / 200.000€ Lagerbestand = 5x/Jahr
Je höher, desto besser (aber nicht auf Kosten der Lieferfähigkeit).
Lagerreichweite
Wie lange reicht der aktuelle Bestand?
Formel: Durchschnittlicher Lagerbestand / (Jahresverbrauch / 365)
Beispiel: 200.000€ / (1.000.000€ / 365) = 73 Tage
Lieferbereitschaftsgrad (Service Level)
Anteil der Aufträge, die sofort aus dem Bestand bedient werden können.
Ziel: 95-98% (je nach Branche)
Kapitalbindung
Wie viel Kapital steckt im Lager?
Durchschnittlicher Lagerbestand × Kapitalkostensatz
Beispiel: 200.000€ × 8% = 16.000€/Jahr Kapitalkosten
Bestellmengen optimieren
Klassische Losgrößenformel (EOQ)
EOQ = √(2 × Jahresbedarf × Bestellkosten / Lagerhaltungskostensatz)
Vereinfacht:
Große Bestellmenge = Weniger Bestellungen, aber höhere Lagerkosten
Kleine Bestellmenge = Mehr Bestellungen, aber niedrigere Lagerkosten
Praktische Überlegungen
- Mindestbestellmengen des Lieferanten
- Staffelpreise (Mengenrabatte)
- Haltbarkeit/Veralterung
- Lagerplatz verfügbar?
- Cashflow-Situation
Meldebestand und Sicherheitsbestand
Meldebestand (Reorder Point)
Ab welchem Bestand wird nachbestellt?
Formel: (Durchschnittlicher Tagesverbrauch × Wiederbeschaffungszeit) + Sicherheitsbestand
Beispiel:
- Tagesverbrauch: 10 Stück
- Wiederbeschaffungszeit: 5 Tage
- Sicherheitsbestand: 20 Stück
- Meldebestand: (10 × 5) + 20 = 70 Stück
Sicherheitsbestand berechnen
Schutz gegen:
- Nachfrageschwankungen
- Lieferverzögerungen
Vereinfachte Formel:
Sicherheitsbestand = Service-Level-Faktor × √Wiederbeschaffungszeit × Standardabweichung des Verbrauchs
Pragmatisch:
- Bei stabilem Verbrauch: 20-30% des Verbrauchs während Wiederbeschaffungszeit
- Bei schwankendem Verbrauch: 40-50%
Bestandsreduzierung
Hebel identifizieren
Wiederbeschaffungszeit verkürzen
Schnellere Lieferung = Weniger Sicherheitsbestand nötig.
Prognosequalität verbessern
Bessere Vorhersage = Weniger Puffer nötig.
Lieferantenbeziehung verbessern
Zuverlässigere Lieferung = Weniger Sicherheitsbestand.
Produktvarianten reduzieren
Weniger Artikel = Einfacheres Management.
Slow Mover identifizieren
Artikel, die sich kaum bewegen.
Optionen:
- Abverkauf (Rabatt)
- Rückgabe an Lieferant
- Abschreibung
- Keine Nachbestellung
Regelmäßige Bestandsüberprüfung
- Monatlich: Top-Artikel (A)
- Quartalsweise: B-Artikel
- Halbjährlich: C-Artikel, Slow Mover
Bestandsführungssysteme
Permanente Inventur
Bestand wird bei jeder Bewegung aktualisiert.
Voraussetzung: System erfasst alle Ein- und Ausgänge.
Stichtagsinventur
Jährliche Zählung aller Bestände.
Aufwändig, aber gesetzlich vorgeschrieben.
Cycle Counting
Laufende Zählung von Teilbeständen.
Verteilt den Aufwand, hält Daten aktuell.
Inventurdifferenzen
Soll ≠ Ist – woher kommen Differenzen?
- Zählfehler
- Buchungsfehler
- Schwund (Diebstahl, Verderb)
- Falsche Einheiten
Maßnahmen:
- Ursachen analysieren
- Prozesse verbessern
- Regelmäßiger abgleichen
Tools für Bestandsmanagement
Minimum
- Excel mit Artikelliste, Bestand, Meldebestand
- Manuelle Buchungen
Besser
- Warenwirtschaft (JTL, Sage, WISO)
- Automatische Bestandsführung
- Bestellvorschläge
Ideal
- ERP-System (Odoo, SAP Business One)
- Integration mit Einkauf, Vertrieb, Buchhaltung
- Automatisierte Nachbestellung
- Analysen und Forecasting
Checkliste: Bestandsmanagement optimieren
- [ ] ABC-Analyse durchführen
- [ ] Lagerumschlag berechnen
- [ ] Slow Mover identifizieren
- [ ] Meldebestände für A-Artikel definieren
- [ ] Sicherheitsbestände überprüfen
- [ ] Wiederbeschaffungszeiten dokumentieren
- [ ] Inventurdifferenzen analysieren
- [ ] Monatliches Bestandsreporting einführen
- [ ] Bestandsziele setzen (Umschlag, Reichweite)
- [ ] Regelmäßige Review etablieren
Fazit
Gutes Bestandsmanagement ist ein Balanceakt zwischen Lieferfähigkeit und Kapitalbindung. Die richtige Menge am richtigen Ort zur richtigen Zeit – das ist das Ziel.
Starten Sie mit den A-Artikeln. Hier liegt der größte Hebel. Definieren Sie Meldebestände, überwachen Sie den Umschlag, reduzieren Sie Slow Mover.
Die Investition in besseres Bestandsmanagement zahlt sich schnell aus: Weniger gebundenes Kapital, weniger Engpässe, zufriedenere Kunden.
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