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Vertriebsprozess optimieren: wo zwischen Anfrage und Auftrag der Umsatz versickert

Anfragen kommen, Aufträge fehlen: Die Ursache liegt fast nie am Team, sondern an zwei bis drei Übergabestellen. So finden Sie die Stelle, an der Ihre Aufträge liegen bleiben.

JH

Jonas Höttler

Engpassdiagnose für B2B-Unternehmen · Balane GmbH

Anfragen kommen, Aufträge fehlen

Anfragen kommen rein, das CRM ist gepflegt, das Dashboard sieht ordentlich aus. Trotzdem bleibt der Umsatz hinter der Planung. Der Reflex im Mittelstand ist immer derselbe: mehr Leads einkaufen, einen weiteren Vertriebler einstellen, das CRM wechseln.

Wer seinen Vertriebsprozess optimieren will, fängt mit diesen drei Reflexen an der falschen Stelle an. In den Diagnosen, die wir in Unternehmen mit 20 bis 150 Mitarbeitenden fahren, ist keine der drei Maßnahmen die Lösung. Der Umsatz versickert dazwischen – an zwei bis drei Übergabestellen, die niemand einzeln verantwortet und die deshalb in keiner Auswertung auftauchen.

Wo die Anfragen eines Quartals bleiben

  1. Anfragen im Quartal132 Anfragen
  2. 39 %
    Erstgespräch geführt81 Anfragen
  3. 58 %
    Angebot verschickt34 Anfragen
  4. 68 % · größter Abbruch
    Auftrag gewonnen11 Anfragen
Nicht die Abschlussquote am Ende ist die interessante Zahl, sondern die Stelle mit dem größten Sprung. Zusammengesetztes Beispielprofil aus dieser Größenordnung, keine Branchen-Benchmark.

Wer diese Stelle kennt, gewinnt Aufträge zurück, die heute an der Reaktionszeit verloren gehen – ohne eine einzige zusätzliche Anfrage.

Die drei Stellen, an denen Aufträge tatsächlich verloren gehen

Stelle 1: Die Reaktionszeit auf neue Anfragen

Eine Anfrage, die am Dienstagvormittag eingeht und am Donnerstag beantwortet wird, konkurriert nicht mehr mit Ihrem Wettbewerb, sondern mit dem Vergessen. Der Auslöser für eine B2B-Anfrage ist fast immer ein akuter Anlass, und der hält selten 48 Stunden.

Die Ursache ist dabei nie Faulheit. Sie ist Zuständigkeit: Anfragen landen in einem Sammelpostfach, das niemandem gehört. Wer keine verbindliche Regel hat, wer bis wann antwortet, hat keinen Vertriebsprozess, sondern eine Gewohnheit.

So prüfen Sie es: Ziehen Sie 20 Anfragen der letzten acht Wochen und messen Sie die Zeit bis zur ersten inhaltlichen Antwort – nicht bis zur automatischen Eingangsbestätigung.

Stelle 2: Der Weg vom Gespräch zum Angebot

Hier steht die Uhr in den meisten Mittelstandsunternehmen still. Nicht weil der Vertrieb langsam wäre, sondern weil das Angebot eine Zulieferung braucht: eine Kalkulation, eine technische Machbarkeitsprüfung, eine Freigabe der Geschäftsführung.

Der Weg einer Anfrage bis zum Angebot

  1. Anfrage geht einTag 0
  2. ErstgesprächTag 1–3
  3. Technische Klärung und KalkulationTag 3–10Engpass
  4. Freigabe GeschäftsführungTag 10
  5. Angebot rausTag 11
Die reine Bearbeitungszeit liegt bei zwei Stunden. Die Durchlaufzeit bei elf Tagen. Der Unterschied ist Wartezeit an einer einzigen Stelle.

Die Kalkulation selbst dauert selten länger als zwei Stunden. Was elf Tage füllt, ist die Wartezeit davor: Der Kollege, der kalkuliert, hat den Vorgang in einer Liste, die er donnerstags abarbeitet.

Stelle 3: Das Nachfassen nach dem Angebot

Das Angebot ist raus, dann passiert nichts. Ein Anruf nach einer Woche, danach verläuft es. Der Kunde entscheidet nicht gegen Sie – er entscheidet gar nicht, weil intern etwas anderes dringender geworden ist.

Was in den Mandaten zuverlässig wirkt, ist keine Verkaufstechnik, sondern eine Terminkette, die im System steht und nicht im Kopf: Tag 2 eine Verständnisfrage, Tag 6 ein inhaltlicher Nachschlag, Tag 12 ein konkreter Terminvorschlag, Tag 25 die saubere Schlussfrage. Vier Kontakte, keiner davon ein Bittsteller-Anruf. Wie sich das im System abbilden lässt, steht im Detail in unserem Beitrag zum Pipeline-Management.

Ein typisches Muster: Maschinenbau-Zulieferer, 45 Mitarbeitende

Ein zusammengesetztes Beispielprofil. Die Größenordnungen entsprechen dem, was in dieser Unternehmensgröße typisch ist – es ist kein einzelnes Mandat.

Ausgangslage: rund 45 Anfragen im Monat, zwei Vertriebler im Außendienst, ein Innendienst, Kalkulation beim technischen Leiter. Die Geschäftsführung wollte eine dritte Vertriebsstelle ausschreiben, weil „wir nicht hinterherkommen“.

Die Messung über acht Wochen ergab: Die beiden Vertriebler führten zusammen sieben Erstgespräche pro Woche, rund 27 im Monat, und hätten Kapazität für zwölf pro Woche gehabt. Aus diesen 27 Gesprächen gingen nur elf Angebote raus. Der Stau lag also nicht im Vertrieb, sondern beim technischen Leiter, der neben der Projektarbeit alle Kalkulationen machte: 34 Kalkulationen lagen unbearbeitet in seiner Liste, die älteste seit elf Wochen, und pro Monat kamen rund sechs dazu. Der Stapel wuchs, er stand nicht still.

Die Maßnahme kostete keine neue Stelle: Standardkalkulationen für die drei häufigsten Auftragstypen als Vorlage, Freigabegrenze für den Innendienst bis 25.000 Euro, feste Kalkulationsslots dienstags und donnerstags statt einer offenen Liste.

Nach zwölf Wochen, ohne zusätzliches Personal

VorherNach 12 Wochen
Durchlaufzeit bis Angebot-73 %
11 Tage
3 Tage
Angebote pro Monat+55 %
11
17
Gewinnquote auf Angebote+6 Prozentpunkte
32 Prozent
38 Prozent
Die Anzahl der Anfragen blieb unverändert. Verändert wurde nur, wie lange sie zwischen zwei Schreibtischen liegen.

Der Punkt an diesem Beispiel ist nicht die Prozentzahl. Es ist, dass die geplante dritte Vertriebsstelle das Problem nicht gelöst, sondern den Stau vergrößert hätte.

Warum mehr Leads und ein neuer Verkäufer nichts ändern

Drei Reflexe tauchen in fast jedem Gespräch auf. Alle drei kosten Geld und lösen selten etwas.

„Wir brauchen mehr Leads.“ Mehr Anfragen in einen Prozess zu schieben, der die vorhandenen nicht verarbeitet, verschlimmert die Lage. Die Reaktionszeit steigt, die Qualität der Erstgespräche sinkt, und die Marketingkosten pro Auftrag gehen nach oben.

„Wir brauchen einen besseren Verkäufer.“ Wenn zwei Verkäufer dieselbe Quote liefern, liegt es am System, nicht an den Personen. Ein neuer Verkäufer im gleichen System liefert nach der Einarbeitung dieselbe Quote – nur ein Quartal später und mit zusätzlichen Personalkosten.

„Wir brauchen ein besseres CRM.“ Ein CRM bildet ab, was Sie ihm sagen. Es beschleunigt keine Kalkulation und trifft keine Freigabeentscheidung. Ein Systemwechsel bindet drei bis sechs Monate Aufmerksamkeit – Zeit, in der der eigentliche Engpass unverändert weiterläuft.

Welcher Engpass ist es bei Ihnen?

Was Sie beobachtenWahrscheinliche UrsacheErster TestWas hier nicht hilft
Viele Anfragen, wenige ErstgesprächeReaktionszeit und Zuständigkeit20 Anfragen nachmessenMehr Marketingbudget
Viele Gespräche, wenige AngeboteZulieferung oder Freigabe stocktLiegezeiten je Angebot erfassenVerkaufstraining
Viele Angebote, wenige AufträgeKein systematisches NachfassenOffene Angebote ohne Aktivität zählenRabatte
Gute Quote, zu wenig UmsatzFalsche Zielkunden, zu kleine AufträgeAuftragswerte der letzten 30 Aufträge sortierenMehr Anfragen
Alles schwankt stark je PersonKein dokumentierter AblaufZwei Verkäufer denselben Fall beschreiben lassenNeue Einstellung

Die fünf Zahlen, die wöchentlich auf den Tisch gehören

KennzahlWas sie beantwortetWann es kritisch wird
Reaktionszeit bis zur ersten inhaltlichen AntwortVerlieren wir Anfragen vor dem Gespräch?über einen Arbeitstag
Durchlaufzeit Gespräch bis AngebotWo steht die Uhr still?über fünf Arbeitstage
Übergangsquote Angebot zu AuftragPassen Angebot und Zielkunde zusammen?unter 20 Prozent
Offene Angebote ohne Aktivität seit 14 TagenWie viel Umsatz liegt unbearbeitet herum?mehr als ein Fünftel
Durchschnittlicher AuftragswertWachsen wir oder arbeiten wir nur mehr?fällt über zwei Quartale

Wöchentlich, nicht monatlich. Eine Zahl, die einmal im Quartal angeschaut wird, ist eine Statistik. Eine Zahl, die jeden Montag auf dem Tisch liegt, ist ein Steuerungsinstrument.

Der Filter, den die meisten weglassen: vier Fragen vor dem Erstgespräch

Bevor Sie Reaktionszeiten optimieren, lohnt eine unbequeme Prüfung: Wie viele der Anfragen, die Sie bearbeiten, passen überhaupt zu dem, was Sie gut können?

In Unternehmen mit 20 bis 150 Mitarbeitenden fehlt fast immer eine schriftliche Definition, ab wann eine Anfrage ein Erstgespräch wert ist. Das Ergebnis ist ein Vertrieb, der freundlich mit allen spricht und dabei die Kapazität verbraucht, die den passenden Anfragen fehlt.

Vier Kriterien reichen im Mittelstand aus, und sie müssen vor dem Gespräch beantwortbar sein:

  • Anlass. Gibt es ein konkretes Ereignis, das die Anfrage ausgelöst hat, oder wird allgemein verglichen?
  • Entscheidungsweg. Sprechen Sie mit jemandem, der entscheiden oder eine Entscheidung herbeiführen kann?
  • Größenordnung. Passt das erwartete Volumen zu Ihrer kleinsten sinnvollen Auftragsgröße?
  • Zeitrahmen. Gibt es einen Termin, an dem etwas fertig sein muss?

Wichtig ist nicht, welche vier Kriterien Sie wählen, sondern dass alle im Vertrieb dieselben verwenden. Sobald zwei Personen unterschiedlich qualifizieren, sind Ihre Zahlen nicht mehr vergleichbar – und jede Auswertung darüber ist Geschmackssache.

Der Test: Legen Sie zwei Vertrieblern denselben anonymisierten Anfragefall vor und lassen Sie unabhängig einschätzen, ob daraus ein Erstgespräch wird. Weichen die Antworten ab, ist die Definition das erste, was Sie reparieren.

Was in die Übergabe an die Umsetzung gehört

Der Auftrag ist gewonnen, und in diesem Moment entscheidet sich, ob er auch verdient wird. Die Übergabe vom Vertrieb an die Umsetzung ist die Stelle, an der aus einer guten Marge eine schlechte wird – meist ohne dass jemand es merkt, weil der Verlust in der Nacharbeit versteckt liegt.

Ein Übergabeblatt mit fünf Feldern reicht und kostet zehn Minuten je Auftrag:

  1. Was wurde zugesagt, wörtlich, inklusive der Nebensätze aus dem Gespräch.
  2. Welche Termine wurden genannt, auch die unverbindlich klingenden.
  3. Welche Sonderabsprachen gelten, die nicht im Angebot stehen.
  4. Wer ist Ansprechpartner beim Kunden und wer entscheidet dort.
  5. Welche Punkte sind offen und wer klärt sie bis wann.

Die Umsetzung bestätigt innerhalb von zwei Arbeitstagen oder meldet zurück. Diese Bestätigungspflicht ist der eigentliche Wirkstoff: Sie zwingt beide Seiten, einmal dasselbe zu lesen.

Ihr erster Schritt: die Rückschau auf zehn verlorene Angebote

Nehmen Sie sich 90 Minuten und die letzten zehn Angebote, die nicht zum Auftrag geführt haben. Für jedes Angebot notieren Sie vier Dinge:

  1. Wie viele Tage lagen zwischen Anfrage und Erstgespräch?
  2. Wie viele Tage zwischen Erstgespräch und Angebot?
  3. Wie oft wurde nach dem Angebot Kontakt aufgenommen – und von wem?
  4. Was war der letzte dokumentierte Stand vor dem Abbruch?

Sortieren Sie die zehn Fälle nach Punkt 2. Wenn sich die verlorenen Angebote am oberen Ende sammeln, kennen Sie Ihren Engpass. Sie brauchen dafür keine Software und keinen Workshop, sondern eine Tabelle und einen ruhigen Vormittag.

Selbsttest: Ist Ihr Vertriebsprozess skalierungsfähig?

Beantworten Sie jede Zeile mit Ja oder Nein. Nur Ja zählt, wenn Sie es belegen könnten.

  • Für jede Anfrage ist namentlich klar, wer bis wann antwortetNicht: das Postfach schaut jemand an
  • Die Durchlaufzeit vom Gespräch bis zum Angebot wird gemessen
  • Es gibt eine feste Nachfass-Kette mit Terminen im SystemNicht im Kopf des Verkäufers
  • Angebote bis zu einer definierten Summe brauchen keine Freigabe von oben
  • Verlustgründe werden bei jedem verlorenen Angebot erfasst
  • Ein neuer Vertriebler arbeitet nach spätestens sechs Wochen eigenständig
  • Die Übergabe an die Umsetzung ist schriftlich standardisiert

Weniger als fünf Haken: Der Engpass liegt im Ablauf, nicht in der Menge der Anfragen.

Wo der nächste Engpass sitzt

Ein sauberer Vertriebsprozess endet nicht mit der Unterschrift. Die teuerste Bruchstelle in wachsenden Unternehmen sitzt direkt danach: bei der Übergabe an die Umsetzung. Was dort schiefgeht, kostet Sie nicht nur Nacharbeit, sondern die Weiterempfehlung – nachzulesen in unserem Beitrag zu Übergaben zwischen Teams.

Wenn Sie unsicher sind, ob der Engpass überhaupt im Vertrieb liegt: Der Zwei-Minuten-Check sortiert das grob vor, die Übersicht der sieben häufigsten Wachstums-Engpässe zeigt, welche Muster in Ihrer Größenordnung typisch sind.

Fazit: der Umsatz liegt in den Liegezeiten, nicht in der Anfragemenge

Der Unterschied zwischen einem Vertrieb, der bei 5 Millionen Umsatz stehen bleibt, und einem, der auf 15 geht, liegt selten am Produkt und fast nie an der Motivation. Er liegt an zwei bis drei Stellen, an denen Vorgänge liegen bleiben, weil niemand dafür zuständig ist, dass sie weitergehen.

Diese Stellen finden Sie nicht durch Raten. Sie finden sie, indem Sie eine Woche lang messen, wie lange Dinge liegen.

Häufige Fragen

Woran erkenne ich, ob mein Vertriebsprozess das Problem ist und nicht der Markt?
Am Verhältnis zwischen Angeboten und Aufträgen im Zeitverlauf. Wenn die Zahl der Anfragen stabil ist, aber immer weniger davon zu einem Angebot führen, ist das ein Prozessproblem. Wenn Angebote verschickt werden und die Gewinnquote fällt, während der Preis gleich bleibt, ist es meist ein Timing- oder Nachfassproblem. Ein echtes Marktproblem sieht man daran, dass die Anfragen selbst zurückgehen.
Wie schnell muss ich auf eine B2B-Anfrage reagieren?
Am selben Arbeitstag, idealerweise innerhalb weniger Stunden. Der Auslöser für eine B2B-Anfrage ist meist ein akuter Anlass, und der hält selten 48 Stunden. Wichtiger als die absolute Zahl ist, dass es überhaupt eine verbindliche Regel gibt und dass jemand namentlich dafür verantwortlich ist.
Bringt ein neues CRM mehr Abschlüsse?
Nur, wenn der Engpass in fehlender Transparenz liegt. Ein CRM bildet ab, was Sie ihm sagen. Wenn Angebote nicht rausgehen, weil die Kalkulation acht Tage braucht, ändert kein Systemwechsel etwas daran. Die Regel: erst den Ablauf reparieren, dann das Werkzeug wechseln.
Wie viele Kennzahlen braucht ein Vertrieb mit 20 bis 150 Mitarbeitenden?
Fünf reichen: Reaktionszeit auf Anfragen, Durchlaufzeit vom Gespräch bis zum Angebot, Übergangsquote von Angebot zu Auftrag, durchschnittlicher Auftragswert und offene Angebote ohne Aktivität. Entscheidend ist nicht die Menge, sondern dass diese fünf wöchentlich auf dem Tisch liegen und nicht einmal im Quartal.
Ab wann lohnt sich eine eigene Vertriebsleitung?
Sobald drei oder mehr Personen aktiv verkaufen und die Geschäftsführung die wöchentliche Steuerung nicht mehr nebenbei leisten kann. Vorher kostet die Rolle mehr, als sie bringt. Der häufigste Fehler ist die Beförderung des besten Verkäufers, ohne dass es einen dokumentierten Prozess gibt, den diese Person überhaupt steuern könnte.
Was kostet ein zu langsamer Angebotsprozess konkret?
Rechnen Sie es selbst aus: Anzahl der Angebote pro Jahr mal durchschnittlichem Auftragswert mal dem Unterschied in der Gewinnquote zwischen schnellen und langsamen Angeboten. In dieser Größenordnung liegt der Unterschied typischerweise im mittleren bis hohen fünfstelligen Bereich pro Jahr, bei Unternehmen mit 40 bis 60 Mitarbeitenden.

Tiefer einsteigen

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